Wenn Wein keine Frage des Preises mehr ist

Über eine Weinverkostung der besonderen Art berichtet unser Gastautor Ulrich van Stipriaan. Foto: Ulrich van Stipriaan

Über eine Weinverkostung der besonderen Art berichtet unser Gastautor Ulrich van Stipriaan. Foto: Ulrich van Stipriaan

Unser Gastautor Ulrich van Stipriaan hat Weine verkostet, deren Preise pro Flasche sehr beachtlich ist. War es der Genuss auch?

Von Ulrich van Stipriaan

Der Weinkonsum in Deutschland ist im dritten Jahr in Folge gesunken – sagt das Deutsche Weininstitut in seiner aktuellen Statistik. Eine Flasche weniger, stand in der Pressemeldung, habe jeder Deutsche über 16 weniger getrunken als im Vorjahr: 21,5 Liter statt 22,2 Liter. Im Jahr, nicht im Monat. Ich weiß: viele sagen jetzt: „An mir hat’s aber nicht gelegen!“ – kann ja sein. Aber so ist das mit Statistik und Durchschnitt. Da hilft’s auch nicht, dass die, die noch Wein (und/oder Schaumwein) kaufen, ein wenig mehr dafür zu zahlen bereit sind: 4,51 € pro Liter deutschen Weins (also 3,38 € pro 0,75-l-Flasche). 

Streng genommen reicht das dennoch nicht, denn guten handwerklichen Wein zu machen war schon vor Jahren teurer. Deswegen waren die hier in den vergangenen beiden Jahren vorgestellten Weine und Schaumweine ja auch nicht so günstig wie der Schnitt. Allerdings hielt sich der Preis meistens in Grenzen, zwischen 9 € und 29 € mit einem Schnitt von 17,34 €. Das könnte sich in der nächsten Jahresstatistik ändern, denn neulich hatte ich die Gelegenheit, Weine zu probieren, die mit 500 € pro Flasche und mehr etwas oberhalb des üblichen Budgets liegen.

Es waren Weine des Weinguts Vega Sicilia – was zwar italienisch klingt, aber mit Sizilien nichts zu tun hat. Es liegt in Spanien im Weinbaugebiet Ribera de Duero, gehört (seit 1982) der Familie Álvarez und ist laut der weltweit führenden Weinhandelsplattform Liv-ex aus London die Nummer eins der 100-Rangliste der Londoner Weinbörse. Die Weine sind legendär, jahrelang waren die beiden Spitzenprodukte Único und Único Reserva Especial gar nicht oder nur schwer zu bekommen. Nun gab es bei einer Masterclass im Restaurant Feine Kost von Mario Pattis für die über 30 Fachleute aus Gastronomie und Fachhandel auch diese beiden Weine zur Verkostung.

Die Masterclass-Verkostung im Dresdner Restaurant von Mario Pattis. Foto: Ulrich van Stipriaan
Die Masterclass-Verkostung im Dresdner Restaurant von Mario Pattis. Foto: Ulrich van Stipriaan

Nun ist so eine Verkostung unter Profis ja kein lockeres Betrinken an einem Montagmittag, es geht schließlich auch um so Entscheidungen wie „Kaufe ich den Wein, passt er zu meinem Restaurant, wollen meine Kunden im Fachhandel den haben?“. Also wurden die 13 Weine der Probe nicht geschluckt, sondern gespuckt – große Behälter stehen dafür auf den Tischen und werden schnell voll. Das war bei den Furmints und Tokajern des ungarischen Weinguts Oremus, das zu Vega Sicilia gehört und dessen Geschäftsführer Robert Kindl die Masterclass leitete, zwar ebenso schade wie bei den Rotweinen der anderen – spanischen – Weingüter von Vega Sicilia, aber wat mut dat Mut. 

Bei den beiden Único war’s aber anders. Thomas Sommer, der aus Dresden kommt und mittlerweile der Vertriebsleiter bei Grand Cru Select (dem Fach-Distributeur von Spitzenweinen) ist, empfahl: diese Weine bitte unbedingt in den „inneren Spucknapf“ zu entleeren! Da wollte ihm keine*r widersprechen.

Der probierte Único (was „einzigartig“ heißt) ist Jahrgang 2016 und kommt erst jetzt auf den Markt – eins der vielen Dinge, die den Wein so überwältigend komplex in der Nase wie auch am Gaumen machen. Seine ganz eigenständige Qualität bekommt der Wein, der hauptsächlich aus der Tempranillo-Traube (in der Spielart Tinto Fino) und ein wenig Cabernet-Sauvignon gekeltert wird, durch viel Aufwand im Weinberg und im Keller. Der Wein liegt lange im Holz verschiedener Fässer, später reift er in der Flasche nach. Dort kann er auch noch lange im Keller liegen, problemlos zehn, zwanzig Jahre. Und wird dabei nicht schlechter, im Gegenteil. 

Die Unico-Weine. Foto: Ulrich van Stipriaan
Die Unico-Weine. Foto: Ulrich van Stipriaan

Kann man den einzigartigen Wein noch steigern? Man kann: der „Único Reserve Especial“ ist eine Cuvée dreier alter Jahrgänge und bleibt dabei selbst jahrgangslos – hat aber ein Release date, ein Veröffentlichungsdatum. Die 26er Ausgabe vermählt Única aus den Jahren 2011, 2012 und 2014. Da steckt noch mehr Energie, noch mehr Spannung, noch mehr Vielschichtigkeit drin. So viel, dass selbst sonst sehr beredte Anpreiser von Weinen in Ehrfurcht still bleiben und genussvoll „mind blowing“ sagen. Überwältigend.

Bleibt zum Abschluss die Gretchenfrage: schmeckt man, dass diese Weine 500 € (Único) oder über 600 € (Único Reserve Especial ) pro Flasche kosten? Gegenfrage: Würden Sie einen Unterschied beim Fahren bemerken in, sagen wir mal, einem Dacia Sanders für um die 11.000 € und einem Rolls-Royce Phantom (über 500.000 €)? Eben.

Einen auch sehr guten Rotwein aus Sachsen haben wir Hier beschrieben.

Unser Autor Ulrich van Stipriaan ist bekennender Genussmensch. Seine profunde Weinkenntnis ist im Podcast „Auf ein Glas“ zu hören. Ebenfalls unter stipvisiten.de finden sich Reiseberichte, Restaurantkritiken, Beiträge über Wein und Winzer.

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