Warum eine Sepsis gerade für ältere Menschen gefährlich ist

Eine infizierte Wunde kann zum Auslöser einer Sepsis werden. Foto: Pexels/Vika Glitter

Eine infizierte Wunde kann zum Auslöser einer Sepsis werden. Foto: Pexels/Vika Glitter

Nach Angaben der Sepsis-Stiftung erkranken jährlich mehr als 500.000 Menschen in Deutschland an Sepsis, mindestens 140.000 sterben. 80 Prozent der Fälle entstehen dabei außerhalb eines Krankenhauses. Ein vereiterter Zahn kann ebenso eine Ursache sein wie ein Infekt mit Husten. Gelangen Bakterien in den Blutkreislauf, kann sich binnen weniger Stunden eine lebensgefährliche Blutvergiftung entwickeln.

Nach Angaben des Aktionsbündnisses "Deutschland erkennt Sepsis" erkranken pro Jahr mindestens 230.000 Menschen an den Folgen einer sogenannten Blutvergiftung, alle sechs Minuten stirbt ein Mensch daran. Damit ist Sepsis hierzulande eine der häufigsten Todesursachen. Im internationalen Vergleich steht Deutschland immer schlechter da: Von 1990 bis 2019 stieg die sepsisbezogene Mortalität um 10 Prozent, während sie zum Beispiel in Ländern wie Norwegen um 26,7 Prozent und in Finnland um 21,1 Prozent sank.

Doppelte Kompetenz in Dresden und Kreischa 

Das Ausmaß der Folgen macht Ulf Bodechtel, Chefarzt an der Klinik Bavaria Kreischa, deutlich: Ein Drittel der Todesfälle ereigne sich im Krankenhaus, ein weiteres Drittel im Jahr danach. Drei von vier Überlebenden hätten neue Diagnosen oder Einschränkungen, etwa jeder Dritte werde neu pflegebedürftig. Das Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden betreibt mit der Bavaria Klinik ein sektorenübergreifendes Comprehensive Sepsis Center zur Behandlung von Sepsis-Patienten von der Intensivstation bis zur Reha. In diesem Frühjahr fand darüber hinaus das 3. Dresdner Sepsis-Symposium statt, das sich mit schwerpunktmäßig mit den Entwicklungen in der Diagnostik, Behandlung und Rehabilitation beschäftigte. 

Was ist eine Sepsis?

Sepsis ist eine potenziell lebensbedrohliche Reaktion des Körpers auf eine Infektion. Schon eine vermeintlich geringe Infektion kann sich bei älteren Menschen rasch zu einer schweren Sepsis oder einem septischen Schock entwickeln. Die Gefahr liegt darin, dass sich der Zustand innerhalb weniger Stunden rapide verschlechtern kann und ältere Personen oft schon mehrfach vorbelastet sind.

Die Sepsis-Stiftung warnt: Infektionen und Sepsis gehen alle an. Sepsis ist die schwerste Verlaufsform einer Infektion und ein zeitkritischer medizinischer Notfall. Ihre Vermeidung beginnt deshalb nicht auf der Intensivstation, sondern mit Impfungen und anderen wirksamen Maßnahmen der Infektionsvorbeugung und Hygiene, der frühen Erkennung und Behandlung von Infektionen und einer durchgängigen Rettungs- und Versorgungskette.

Warum Sepsis für Ältere so gefährlich ist

- Immunsystem altert mit: Die körpereigene Abwehr reagiert langsamer und unvorhersehbarer. Dadurch können Infektionen länger unbemerkt bleiben und sich schneller ausweiten.

- Mehr Begleiterkrankungen: Viele ältere Menschen haben chronische Erkrankungen wie Diabetes, Herzinsuffizienz, chronische Nierenerkrankungen, COPD oder Krebs. Diese Erkrankungen erhöhen das Risiko, dass eine Infektion zu Sepsis führt und dass der Verlauf schwierig ist.

- Frailty und verminderte Reserve: Muskelschwund, Kraftverlust, eingeschränkte Mobilität und Abhängigkeit von Hilfe führen dazu, dass der Körper weniger gut mit Stresssituationen wie einer Infektion umgehen kann.

- Weniger typische Symptome: Fieber ist bei älteren Menschen oft nicht stark oder gar nicht vorhanden. Stattdessen zeigen sich Infektionszeichen wie Verwirrung, plötzliche Schwäche, Appetitlosigkeit oder eine Verschlechterung der Allgemeinbefindlichkeit – oft erst spät.

- Schnelle Verschlechterung: Schon kleine Infektionen, wie Harnwegs- oder Lungeninfekte, können sich rasch zu einer schweren Sepsis entwickeln. Die Behandlung muss oft innerhalb weniger Stunden beginnen, um Überleben und Funktionsfähigkeit zu erhalten.

Typische Warnzeichen bei Älteren

  • - Plötzliche Verwirrtheit oder Desorientierung, Unruhe, Verhaltensänderungen
  • - Starke Schwäche, Schwindel oder Ohnmacht
  • - Atemnot, schnelle, flache Atmung oder ungewöhnliche Atemgeräusche
  • - Erschöpfung, reduzierte Aufnahme von Flüssigkeit, seltenes Wasserlassen
  • - Kalte, feuchte oder blasse Haut; ungewöhnlich kalter Hautzustand
  • - Fieber ist nicht immer vorhanden; auch Unterkühlung kann auftreten
  • - Verschlechterung eines bestehenden Infekts (z. B. Blasenentzündung, Lungeninfekt)

Die Sepsis-Stiftung ist alarmiert, dass besonders wichtige Warnzeichen wie Verwirrtheit, Atemnot oder kalte, feuchte beziehungsweise fleckige Haut meist  nur von einer Minderheit als sepsisbezogene Frühzeichen erkannt werden.

Die Sepsis-Stiftung bietet einen Online-Test als schnelle Orientierungshilfe an.

Wichtig zu wissen: Ein roter Strich auf der Haut ist kein sepsisspezifisches Symptom. Er weist auf eine Infektion einer Lymphbahn hin, die – wie prinzipiell jeder Infekt – zu einer Sepsis führen kann.

Was tun bei akutem Verdacht?

Bei Sepsisverdacht gelte: „Jede Minute zählt“, so Irmgard Landgraf, Vorstandsmitglied der Sepsis-Stiftung und hausärztliche Internistin.

- Wenn sich der Zustand rasch verschlechtert, Atemnot, extreme Schwäche, Verwirrtheit oder starkes Unwohlsein auftreten, sofort medizinische Hilfe rufen.

- Nicht  abwarten oder daraf vertrauen,dass sich der Zustand am nächsten Tag verbessert hat. 

 Folgen und Langzeitfolge

- Akut: Organversagen (Herz, Lunge, Niere, Leber), septischer Schock, vermehrte Infektanfälligkeit, Lungenversagen, Gerinnungsstörungen.

- Langfristig: Post-Sepsis-Syndrom mit anhaltender Schwäche, Fatigue, kognitiven Beeinträchtigungen, Depression, Verminderung der Selbstständigkeit und erhöhte Pflegebedürftigkeit.

- Höhere Sterblichkeit: Bei älteren Menschen ist die Sterblichkeitsrate bei Sepsis deutlich höher als bei jüngeren Patienten, besonders wenn ein septischer Schock entsteht oder Begleiterkrankungen vorliegen.

Was man tun kann – Prävention, frühzeitige Erkennung, Handeln

- Impfen lassen: Grippeimpfung, Pneumokokkenimpfung, ggf. weitere empfohlene Impfungen (z. B. COVID-19). 

- Schnelle Behandlung von Infektionen: Infektionen frühzeitig ernst nehmen und ärztlich abklären lassen, besonders bei vorbestehenden Erkrankungen oder erhöhter Schwäche.

- Hygiene und Wundversorgung: Regelmäßige Handhygiene, Wundpflege bei Verletzungen, saubere Prothesen und Hautbarsche, frühzeitige Behandlung von Haut- oder Hangeninfektionen.

- Ausreichende Flüssigkeitszufuhr und Ernährung: Gute Hydration und geeignete Ernährung unterstützen das Immunsystem.

- Regelmäßige medizinische Betreuung: Kontrolltermine, Anpassung der Medikation (Polypharmazie vermeiden), Behandlung von Begleiterkrankungen.

- Frühwarnzeichen erkennen: Angehörige und Pflegepersonen sollten die oben genannten Warnzeichen kennen und bei Verdacht auf Infektion oder Sepsis sofort medizinische Hilfe suchen.

- Notrufregel: Bei Anzeichen von akuter Sepsis oder plötzlicher Verschlechterung sofort den Notruf wählen (in Deutschland 112).

Ausblick in die Zukunft: In Jena haben jetzte Ärzte und Naturwissenschaftler einen Chip entwickelt, der innerhalb von drei bis vier Stunden den für die Sepsis verantwortlichen Keim ermitteln kann. Außerdem kann der Chip zeigen, ob der Verursacher gegen bestimmte Antibiotika resistent ist oder nicht. Übliche Laborverfahren können bislang diese Informationen erst nach 24 oder 48 Stunden liefern. Der deutliche Zeitgewinn erhöht das Überlebenschance der Patienten. Noch wird der Chip jedoch nicht im medizinischen Alltag eingesetzt. 

Hinweis: Dieser Text soll informieren und ist kein Ersatz für eine medizinische Beratung. 


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